Aus dem Umland

Märchenhafter Hardtwald


»Es war einmal« ein kleines blau-weißes Königreich mitten im Hardtwald, dessen Bewohner seit nunmehr dreiunddreißig Jahren auf das dritte große Wunder der Fächerstadt warten. Das erste war der Bau des Schlosses im Hardtwald, das zweite folgte im Herbst des Jahres 1993, als eine mutige Schar aus dem Wildpark hinauszog, um Europa das Fürchten zu lehren.

Damals war die Welt noch eine andere. Ein Stadionbesuch war bezahlbar, niemand brauchte QR-Codes, personalisierte Eintrittskarten oder Männer-Handtaschen. Vom Internet sprach kaum jemand, E-Scooter rollten höchstens durch Zukunftsromane und Energy-Drinks waren ebenso unbekannt wie die Vorstellung, dass ein Telefon einmal klüger sein könnte als sein Besitzer.

In jener Zeit machte sich der fünfzehnjährige Andreas auf den Weg. Damals wie heute war er dem KSC mit Haut und Haaren verfallen. Es war der 14.September 1993, als sich den blau-weißen Rittern der erste mächtige Drache in den Weg stellte: PSV Eindhoven, holländischer Serienmeister und vom mächtigen Philips-Konzern gestützt. Die »Wildpark-Brigande« wurde vom schillernden Westfalen »Winnie« Schäfer angeführt. Zu seiner Schar gehörten unter anderem Bonan, Schuster, Bilic, Schütterle, Rolff, Bender, Kiriakov und Schmitt.

Schon nach 31 Minuten schien das Märchen seinen Lauf zu nehmen. Schmitt und Kiriakov sorgten für eine 2:0-Führung. Doch dann musste »Manni Bender« nach 34 Minuten mit der Roten Karte den Platz verlassen. Fortan verteidigten die Badener ihr kleines Königreich mit Mann und Maus, retteten ein 2:1 über die Zeit, erkämpften sich anschließend ein 0:0 in Eindhoven und zogen völlig überraschend in die zweite Runde ein.

Doch nun klopfte mit dem FC Valencia ein Riese an die Burgtore. Eigentlich schien dieser Gegner eine Nummer zu groß. Niemand ahnte damals, dass all jene, die eine Eintrittskarte besaßen, Zeugen eines der größten Fußballmärchen Deutschlands werden sollten. Zunächst mussten Oliver Kahn und seine Gefährten allerdings eine 1:3-Niederlage auf der iberischen Halbinsel hinnehmen. Unser Freund, Andreas, der spätere Hexer über Busch und Baum und chronischer Optimist aus Überzeugung, pilgerte erneut in den Hardtwald. Am 2.November 1993 wurde dort das »Wunder vom Wildpark« geboren. Aus Edgar Schmitt wurde »Euro-Eddy«, aus dem regional bekannten Karlsruher SC ein europäischer Geheimtipp. Bereits nach 34 Minuten hatte Schmitt den Rückstand aus dem Hinspiel egalisiert (2:0). Danach spielte sich Blau-Weiß in einen Rausch, wie ihn selbst Märchenerzähler kaum schöner hätten ausschmücken können. Am Ende stand ein unglaubliches 7:0 zu Buche. Vier Tore von Schmitt, dazu Treffer von Schütterle, Schmarow und Bilic machten diesen Abend unsterblich. Wer sollte diesen KSC nun noch aufhalten? Vielleicht höchstens der eigene Trainer »Winnie« Schäfer, der versuchte, seine ausgelassene Herde auf dem Boden zu halten. Doch die ließ sich nicht zügeln und lud in Runde drei Girondins Bordeaux nach Baden ein. Im Trikot der Franzosen liefen Namen auf, die später Weltgeschichte schreiben sollten: Zidane, Lizarazu, Dugarry, Paille und/oder Witschge. Im Hinspiel erzielte ausgerechnet Zidane den goldenen Treffer. Doch die Gelbfüßler besaßen damals einen Edgar Schmitt, der in jenen Wochen vermutlich selbst mit Adiletten einen Adler vom Himmel geschossen hätte. Er traf zum 1:0 und der »rote« Kiriakov erhöhte nach 65 Minuten. Erneut Schmitt machte den Sack zu und die »Gallier« waren geknackt. Die Startruppe aus Nouvelle-Aquitaine schied sang- und klanglos aus. Natürlich war auch diesmal Andreas auf seinem Stammplatz im Wildpark dabei und was ich soll ich euch sagen …. »Euphorie kennt keine Grenzen!«

Im Viertelfinale wartete Boavista Porto - eine Mannschaft, die sich als harte Nuss erwies. Wieder hieß es erst reisen und dann reißen. Dem 1:1 in Portugal folgte am 2.März 1994 das Rückspiel vor den Augen des unermüdlichen Andreas S aus D. Nie standen so viele Menschen am Nackten Mann, nie schien der Hardtwald näher am Fußballhimmel. Doch die Aufgaben wurden schwerer, die Gegner unbequemer und die Kisten enger. Boavista verlangte den Badenern alles ab. Erst ein Eigentor von Nogueira in der 35.Minute öffnete das Tor zum Halbfinale und hielt Blau-Weiß im himmelblauen Fußballkosmos.

Dort wartete der SV Casino Salzburg. Schon vor den beiden Begegnungen lag das Gefühl in der Luft, dass der Schäfer-Elf die spielerische Leichtigkeit langsam verloren ging. Wieder erkämpfte sich der KSC zunächst ein 0:0 in Österreich. »Andi« und Tausende andere pilgerten voller Hoffnung zum Rückspiel in den Hardtwald. Alles schien angerichtet. Das Endspiel war zum Greifen nah. Salzburg schien nur noch eine Durchgangsstation … »was soll uns eine österreichische Mannschaft antun?« Doch die »Alpentänzer« erwiesen sich als ebenso bissig, wie man es sonst nur vom KSC selbst gewohnt war. Ausgerechnet die Favoritenrolle, die sich die Badener mit ihren großen Europapokalabenden verdient hatten, wurde plötzlich zur Last. Erwartung und Druck wuchsen von Minute zu Minute. Die Blauen luden - wie der Badener sagt - »… vor der Scheier ab«. Salzburg ging in Führung, Krieg glich zwar aus, doch damals zählten Auswärtstore doppelt. So zogen die Salzburger sensationell ins Finale ein.

Für den Karlsruher SC begann danach eine Reise mit vielen Kurven - rauf, runter, wieder rauf und wieder runter. Doch nie führte sie den Verein noch einmal so nah an die europäische Elite wie in jenem märchenhaften Herbst und Frühling der Saison 1993/94.

Und so erzählen sich KSC-Fans und längst auch deren Kinder und Enkel seit dreiunddreißig Jahren von diesem wundersamen Feldzug. Andreas holt heute voller Stolz seine fünf Eintrittskarten hervor. Sie liegen seit jenen Tagen wie ein kostbarer Schatz in ihrer Schublade und erinnern daran, dass es Märchen manchmal tatsächlich gibt - allerdings nur im Hardtwald. »KSC-Fan« ist unser Hauptdarsteller bis heute ….




pfoschdeschuss • 30.07.26





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