Eine FlixBus-Fahrt in die Lombardei
Zum vierzigsten Jahrestag seines Daseins (Geburtstag) ließen wir uns in diesem Jahr etwas Besonderes einfallen. Dem Milan-Fan und Mönchengladbach-Sympathisanten stand eine Reise in die Lombardei bevor. Doch bevor wir uns um An- und Abreise sowie Unterkunft kümmern konnten, musste ein Kick her. Was wollen wir in Milano ohne Fußballspiel? Womöglich Kultur bestaunen? Da würde wohl keiner mitgehen - wir sind praktizierende Banausen, und daran wird sich wohl nichts ändern. Kultur heißt für uns: volles Stadion, Stimmung, schimpfen, beschimpft werden und Bier. Mit dem Spiel AC Mailand contra FC Parma wurde der Anker gesetzt und die Karten über einen Zweitanbieter bestellt. Unser Sechser-Team stand - das Datum ebenso. Der 22. Februar sollte es letztendlich werden.
Am Samstag, den 21. Februar, war es dann soweit. Wir trafen uns im Nachbarort an der Kirche - nicht, um spirituellen Beistand zu erhalten, sondern weil dort um die Ecke, bei einem der Mitfahrer, das Helle horizontal im Kühlschrank lagerte. Nach einem kleinen Umtrunk stellten wir jedoch schnell fest, dass zwei Gesellen direkt am Treffpunkt erscheinen würden, weil unser Mister »Vergessnix« mal wieder Utensilien auf dem heimischen Tisch liegen ließ, die eigentlich in seinem Rucksack sein sollten. Kein Ding, denn im regionalen Bus war die Meute wieder vereint, um wenig später in Bahnhofsnähe die Dortmunder und die Schalker im TV zu bewundern. Endlich war es soweit: Um 23 Uhr legte unser FlixBus ab und steuerte los - nicht ohne zuvor noch einmal in den Raum zu brüllen, dass jetzt absolute Ruhe herrschen solle. Gut, dass wir uns müde getrunken hatten … wir hätten wahrscheinlich sonst die Schweizer Grenze nie erreicht.
Busbahnhof Lampugnano, Milano, am Sonntagmorgen. Unser Vehikel parkte unter einer großen, grünen FlixBus-Flotte ein. Pünktlich standen wir mit unseren Rucksäcken in Mailand. Die Erleuchtung: eine Espressobar … Espresso, Croissant und Wasser für kleines Geld. Letzteres fand ich übrigens ungeöffnet nach dem Ausflug in der Seitentasche meines Rucksacks. Schnell hatten wir sechs Menüs geordert, während ein Teil - für einen Euro Eintritt - das Abenteuer Bahnhofs-Klo aufsuchte. Während ich meine Notdurft verrichtete, hatte ich beim Blick auf den Boden kurzzeitig Mitleid mit jenen, die dieses Örtchen am Ende eines Tages wieder zu altem Glanz zurückführen sollen. Da erscheint die Arbeit in einem sibirischen Straflager wie ein Ausflug in den Heidepark.

Da wir erst um 12 Uhr unsere Unterkunft nutzen durften, mussten wir schauen, was Mailand alles zu bieten hatte. Unsere Rucksäcke gaben wir am Bahnhof ab, nachdem wir die Metro inspiziert hatten. Unser ortskundiges Geburtstagskind führte uns souverän durch den »olympischen Alltag«. Das Wetter - anders als im gewohnten verregneten Germanien - war herrlich schön. Vitamin D tanken unter italienischer Sonne mit einem Nullsechser Moretti an einem x-beliebigen Kiosk im Schatten des Bahnhofs … traumhaft. Ein Ritual, das sich an verschiedenen Haltestellen, Bänken und Cafés wiederholen ließ, bevor wir um 12 Uhr unsere Absteige bezogen.

Der Besitzer brachte den Schlüssel an einer Straßenlaterne an und schickte uns ein Video - in Deutschland undenkbar. Schatzsuche auf »milanesisch«. Die Bude selbst war im 4.Stock - der Fahrstuhl selbstverständlich defekt, und so hievten wir uns die schmalen Treppen hinauf in eine Unterkunft, die nach uralt und Mussolini aussah und roch. »Müssen wir hier das Wasser mit Eimern aus einem Brunnen holen?« Beim Blick in die Küche war auch recht schnell klar: Wir benötigen eher einen Kammerjäger als einen Koch. Doch das Ding hatte sechs Betten und eine Couch, bedingt Warmwasser - wenngleich der Boiler dermaßen laut pochte, dass die berühmten Hupkonzerte in den Straßen der Stadt zu einem Hintergrundgeräusch verblassten. Singen unter der Brause mit Schlagzeug-Begleitung.
Wir duschten durch, tranken ein, zwei Bier, legten uns kurz hin und brachen wieder auf. Von Olympia war in jenem Stadtteil wenig zu spüren: kleine Supermärkte, Burgerbuden, dezente Cafés - bis wir irgendwann mit Bahn und U-Bahn das altehrwürdige San Siro erreichten. »Wahnsinn«, dieses Bauwerk, das ja zum Abriss freigegeben wurde. Lediglich Finanzierung, Ort und Aufteilung eines neuen Spielortes stehen zur Diskussion - was wiederum bedeuten könnte, dass man noch lange in diesem Stadion spielen wird.

Imponierend war der Aufwand beim Heimspiel: Fanshops, Fressbuden, Bierstände - ein Sortiment, das man hierzulande maximal auf großen Volksfesten findet. Kein Stress, keine Warteschlangen. Salsiccia scharf, Salsiccia mit Kräutern, Salsiccia fad, Salsiccia al finocchio, Luganega, Pasta, Pizza, Spanferkel im Brötchen, Süßes, Saures, Mildes, Pikantes, Hopfiges … dagegen erscheint der Aufwand beim KSC mit seinen drei Würstchenbuden und drei Bierständen wie ein Provisorium bei einem Lebensmittel-Embargo. »Verrückt, die Italiener.« Entspannte Verkäufer bei entspannter Atmosphäre neben den gewaltigen Pfeilern des Giuseppe-Meazza - ich war überwältigt zumal das gezapfte Bier recht zügig rangeholt werden konnte.

Die Sekunde, in der du ins Innere des Stadions gelangst - ein Szenario, das an eine Erektion erinnert … Überrascht war ich allerdings, dass die höllische, immense Stimmung ohne Fahnen und Banner auskam. Die Fans sangen über 100 Minuten und opferten sich auf - im Gegensatz zu den Akteuren auf dem Rasen, die eher im Energiesparmodus ihren Job verrichteten. Später stellte sich heraus, dass das nicht der Regelfall ist: Oft werden Fans mit Sperren belegt, wenn zuvor Verfehlungen geahndet wurden - insbesondere mit Fahnen- und Bannerverbot. Das könnte der Grund gewesen sein. Die Lautstärke und der Hall in jenem Heiligtum der Fußballkunst - gewaltig und geil. Wie gesagt: Das Spiel war nichts für Fußballästheten und schon gar nicht nach dem Geschmack unseres Geburtstagskindes. Parma nutzte die einzige Chance des Spiels zu einem Treffer, der erst nach gefühlten fünf Minuten vom italienischen Schiedsrichter anerkannt wurde; was Mannschaft und Anhang frenetisch feierten. Kein Grund für den rotschwarzen Anhang, das Singen einzustellen.

»Dann kam er … Fülle« (Füllkrug) betrat den Rasen, konnte aber keine Akzente mehr setzen. Ob der Mann sportlich etwas reißen wird oder nur als Bierhoff-Replik dienen soll - wir wissen es nicht und konnten auch nichts Weiterführendes feststellen. Parma gewann sensationell 1:0 in Mailand, was wiederum dafür sorgte, dass das andere Mailand (Inter) wohl nun Meister ist. Der AC war vor dem Spiel das einzige Team, das dem Stadtrivalen noch gefährlich werden konnte.

Auch nach dem Spiel verlief die Abreise relativ entspannt. Die Hälfte unserer Gruppe plädierte für motorisierte Heimreise, der andere Teil setzte sich mit einem strammen Fußmarsch durch … bis sich die Pforten von »Da Nonna« öffneten, einer kleinen Osteria, die im Falle eines Gruppenmitglieds den Tisch etwas zu früh und abrupt abräumte, was für Misstöne beim Dresdner sorgte. Anschließend suchten wir noch die Innenstadt auf, in der die Olympiade sichtbar präsent war. Dennoch wirkte Mailand nicht überfüllt, und man merkte, dass dieses sportliche Event im Endspurt war. Hungrige Gesellen verlangten nach Döner, andere nach einem Taxi, wieder andere nach einem Bier - aber vor allem nach einem zeitnahen Bett in unmittelbarer Nähe. Es bedurfte jedoch noch eines ausgedehnten Fußmarsches, bis die Behausung wieder in Sicht kam. Die Wünsche konnten nicht erfüllt werden - ein Minimarkt und Burger King mussten das Vakuum füllen. Moretti und Baby-Burger, bis das Laken rief …
Vor der Heimfahrt genossen wir ein anspruchsvolles Schnarchkonzert, an dem sich alle mehr oder weniger beteiligten. Frisch machen, Füße waschen, Atem tunen und dann ging es zurück zum Bahnhof, um einen Kaffee und ein Bier zu trinken. Spontan wurden wir noch von der Miliz kontrolliert. Unser Vorteil: Unser Geburtstagskind und der Fahrer des Polizei-Jeeps sprachen dieselbe Sprache (Italienisch) und waren beide Fußballfans. Wir kamen also gut aus der Nummer heraus, besorgten uns die besten Panini, die ich je gegessen habe, und bestiegen den Zug Richtung Lugano, Basel, Karlsruhe … am Comer See und Luganer See vorbei, gemütlich im Bordbistro bei Bier und verdammt guter Laune. Am Montag um 18 Uhr rollten wir müde in die Fächerstadt ein - ein (fast) fehlerfreier Ausflug, wenn »Vergessnix« nicht seinen Geldbeutel vermisst hätte. Dieser wurde jedoch von der Deutschen Bahn in Frankfurt gefunden und befindet sich für einen schmalen Dreißiger auf dem Weg nach Wolfartsweier. Wieder einmal ein geiler Fußballtrip, der nach Wiederholung schreit.
















pfoschdeschuss • 26.02.26