Artjom Sergejewitsch Dsjuba
Die nächste Geschichte könnte ungewöhnlicher nicht beginnen. In den Fünfzigern erbaute die Sowjetunion einen großen Staudamm, der dafür sorgte, dass Stawropol an der Wolga umgesiedelt werden musste. Es entstand ein zweites Stawropol, das wiederum zu Ehren des italienischen Kommunistenführers Palmiro Togliatti in Togliatti umgetauft wurde (1964). Zwei Jahre später gründete die Sowjetunion mit dem Autobauer Fiat das Werk AvtoVAZ, wo die Ladas entstanden. Togliatti erfuhr einen immensen Bevölkerungszulauf und explodierte förmlich. Im Jahre 2018 gründete der Großkonzern Akron Holding hier den Fußballklub Akron Togliatti, der binnen sechs Jahren bis in die russische erste Liga durchmarschierte. Dazu passt ganz gut, dass man 2024 einen russischen Staatshelden namens Artjom Sergejewitsch Dsjuba (36) verpflichtete, der seinen fußballerischen Lebensabend hier in der Provinz ausklingen lässt.
Er wurde 1988 in Moskau geboren, als Sohn eines Ukrainers und einer Russin. Großgewachsen (197) und hochtalentiert begann der Besitzer eines Magister-Grads in Sportwissenschaften bei Spartak Moskau (2006). Vladimir Bystrov behauptete 2008, dass der junge Artjom ihm den Geldbeutel geklaut habe. Dsjuba bestritt die Aussage heftig und kritisierte die fehlende Rückendeckung der Klubführung. Er verlor seinen Stammplatz und ließ sich kurz darauf zu Tom Tomsk ausleihen (2009/2010 - 36 Spiele/13 Tore). Er kehrte nach Moskau zurück, spielte stark und wurde 2011 erstmals in die russische Nationalmannschaft berufen (56/13). Doch der Schlaks fühlte sich bei Spartak unwohl und ließ sich ein zweites Mal zu FK Rostow verleihen, wo ihm 18 Treffer in 39 Spielen gelangen. Mittlerweile engagierte sich Dsjuba für Straßenhunde in Moskau und unterstützte Tierschutzorganisationen. Nach 126 Spielen (15) für den Moskauer Club wechselte der eigenwillige Star zum Erzfeind nach St.Petersburg, wo er durchstartete und etliche Meistertitel errang. Doch immer wieder kam es zu Streitigkeiten mit Trainer Roberto Mancini und zu Kontroversen mit Funktionären.
Weltmeisterschaft 2018 - Die »Sbornaja« kommt dank der Treffer des »Querulanten« ins Viertelfinale. Dsjubas Jubel provokant wie seine Interviews. Er hält in Militärmanier die Hand an die Schläfe und salutiert. Der Torjubel wurde im Reich Kult: Dsjuba, ein Staatsheld und Russlands Fußballer des Jahres 2018. »Diejenigen, die mich begraben wollten, haben mich stärker gemacht.« Nie zuvor habe er eine solche Verbundenheit zwischen Nationalmannschaft und Bevölkerung erlebt. Nach einem weiteren Erfolg 2020 (Torschützenkönig) tauchten private Sex-Videos von ihm im Internet auf. Der Stürmer erklärte das mit einem Erpressungsversuch, doch Verein und Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow nahmen Abstand von seiner Anwesenheit. Weder bei Zenit noch beim russischen Team wurde er berücksichtigt. »Unmoralisch«, nannte die Öffentlichkeit die Veröffentlichung seiner Privatsphäre. Der Krieg in der Ukraine brach aus und abermals stand der Superstar im Mittelpunkt, als Sprössling eines russisch-ukrainischen Paars »Ich bin gegen jeden Krieg; egal wo und wann!« Kein Für und kein Wider … lieber grüner Rasen als Steine klopfen in Sibirien. Der eigentlich ehrliche Halb-Ukrainer verweigerte jegliche Aussagen zum Konflikt. Nach 181 Spielen für Zenit (85) wechselte der Mann aus Moskau zu Arsenal Tula, wo er in zehn Spielen sechs Treffer markierte (2021). Zenit bot ihm keine Vertragsverlängerung an und Dsuba erwog einen Wechsel ins Ausland, zu einem Zeitpunkt, als Russen und russische Klubs im Europapokal ausgeschlossen wurde. Doch ein türkischer Verein machte eine Ausnahme und legte ein Angebot vor. Adana Demirspor holte den »Salutär« ins Yeni Adana Stadyumu; fünfzig Kilometer vom Mittelmeer entfernt. Eine verlockende Geschichte für eine schillernde Figur, um den Wirren des Konflikts zu entgehen - gleichzeitig weiterhin international zu brillieren. Doch wer schon mal alte Bäume verpflanzen wollte … Vier Spiele und ein Treffer lautete die spärliche Ausbeute, ehe ihn ein Lockruf aus dem Zarenreich erreichte und er dankend annahm. Lokomotive Moskau konnte ihn 2023 unter Vertrag nehmen. Doch die Liaison dauerte nur ein Jahr (32/12). Doch anstatt nochmals einen Großclub anzusteuern, entschied sich der Routinier für ein Engagement bei Akron Togliatti. »Eine Gänsehaut, wie bei der Weltmeisterschaft 2018« konnte ihn jedoch seither nicht mehr erreichen. Aktuell steht der zweimalige russische Spieler des Jahres und fünfmaliger russische Meister mit seinem Team auf dem 13.Tabellenplatz. In 26 Einsätzen steuerte er acht Treffer und drei Vorlagen bei. Am 11.Spieltag der laufenden Saison verschoss er beim Stande von 1:1 in der 95.Minute einen Elfmeter … gegen St.Petersburg (1:1).

pfoschdeschuss • 08.06.26