Kühlschränke, Fernseher und Autos kamen in Mode; der Wohlstand zog in Deutschlands Wohnungen ein; aus dem Radio sang Mina ihren Hit »Heißer Sand …«. Wer das Glück hatte, ein Kino um die Ecke zu haben, der konnte den Euro-Western »Der Schatz im Silbersee« für ein paar Groschen anschauen. Man(n) trug Jeans, Lederjacke und schmale Anzüge für breite Anlässe; die moderne Frau bewies Mut zum Hut, Polka Dots, Bleistiftröcke und Seide. Man wird’s kaum glauben, aber die Gesellschaft traf sich in Wirtshäusern, tauschte sich verbal aus, denn das Handy sollte erst dreißig Jahre später auf den Markt kommen. »Man unterhielt sich« …
Geräumige 12.780 Kilometer lagen zwischen dem Gasthaus »Silberkuhl« am Eickeler Markt und Valdivia in Chile, das für ein WM-Spiel vorgesehen war. Doch die Stadt wurde 1960 von einem Erdbeben der Magnitude 9,5 - dem stärksten jemals instrumentell gemessenen Erdbeben – getroffen und hatte andere Sorgen als Fußball. Die Ankunft der Fußball-Weltelite half den Opfern aber, auf andere Gedanken zu kommen. Das Land galt als stabil, demokratisch und fortschrittlich - lange bevor ein gewisser Pinochet mit einem Militärputsch die Herrschaft erlangte und in der Folgezeit alles aus dem Weg räumte, was sich ihm in den Weg stellte. Die Mannschaften kamen aus Europa, Südamerika und Mittelamerika. Teams aus Asien, Ozeanien und Afrika waren nicht zu finden. Die Organisatoren sahen für die beste Mannschaft des jeweiligen Kontinents eine weitere Qualifikation vor. Marokko setzte sich gegen Ghana durch, unterlag aber Spanien (0:1, 2:3) und musste daheim Quartier beziehen. Südkorea setzte sich gegen Japan durch, unterlag aber Jugoslawien 1:5 und 1:3.
Deutschland (Weltmeister 1954), England, Italien (Weltmeister 1934, 1938), Jugoslawien, die Schweiz, Spanien, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, Bulgarien und Ungarn reisten aus Europa an. Gastgeber Chile, Weltmeister Brasilien (1958), Mexiko, Uruguay (Weltmeister 1930, 1950), Argentinien und Kolumbien hatten die kürzeren Anreisen.
In Arica wuchs das Gras nicht, denn ganz im Norden des Landes, an der peruanischen Grenze, herrschte ein furztrockenes Klima, das kaum Vegetation zuließ. Man musste der Wüste erklären, dass sie für vier Wochen grün zu erscheinen hatte. Eigens für die WM wurde das Estadio Carlos Dittborn (24.000 Zuschauer) errichtet, weil man fest mit der Qualifikation Perus rechnete. Uruguay, Kolumbien, die Sowjetunion und Jugoslawien zockten hier um den Einzug in die zweite Runde. Marcos Coll (Kolumbien) verwandelte gegen die Sowjetunion einen Eckball direkt zum Anschlusstreffer zum 2:4. Bis heute ist es der einzige direkt verwandelte Eckstoß in der Geschichte der Männer-WM. Am Ende trennten sich die Teams 4:4. Im Spiel der »Sowjets« gegen die »Jugos« erlitt der Russe Eduard Dubinski einen schweren Beinbruch. Übeltäter Mujić wurde von den Jugoslawen schnurstracks heimgeschickt. Bei Dubinski entwickelte sich später im betroffenen Bein ein Sarkom (Krebserkrankung); das Bein musste im Anschluss amputiert werden. Er verstarb 1969 mit 34 Jahren. Sportlich machten die Sowjetunion und Jugoslawien das Rennen in dieser trockenen Gruppe.
In Santiago wurde im Estadio Nacional gespielt. Die 1938 eröffnete Schüssel wurde für die WM auf rund 80.000 Plätze aufgeblasen und war das Herzstück des Turniers. Deutschland, Gastgeber Chile, Italien und die Schweiz kämpften hier um die nächste Runde. Das Stadion sollte später auch das Finale beherbergen - und elf Jahre danach eine wesentlich düsterere Rolle spielen: Nach Pinochets Militärputsch 1973 wurde es als Internierungs- und Folterstätte genutzt.
Sportlich startete Chile mit einem 3:1 gegen die Schweiz, während sich Deutschland und Italien beim 0:0 gegenseitig die Zähne stumpf bissen. Zwei Tage später wurde aus Fußball kurzzeitig eine Kampfsportveranstaltung. Chile gegen Italien (2:0) ging als »Schlacht von Santiago« in die WM-Geschichte ein. Bereits nach acht Minuten flog Giorgio Ferrini vom Platz und wollte partout nicht gehen. Erst die Polizei beförderte den Italiener vom Rasen. Chiles Leonel Sánchez brach Humberto Maschio anschließend mit einem linken Haken die Nase, kam aber ungeschoren davon. Mario David versuchte wenig später, Sánchez mit einem Tritt am Kopf zu erwischen und durfte ebenfalls vorzeitig duschen. Die Polizei musste mehrfach auf den Platz, Schiedsrichter Ken Aston hatte ungefähr so viel Ruhe wie ein Darm nach einem deftigen Chili con Carne. Besagter Ken Aston sollte übrigens noch Fußballgeschichte schreiben. Eine Londoner Ampel brachte ihn auf die Idee: Gelb bedeutet Verwarnung, Rot bedeutet Feierabend. Bei der WM 1970 wurden die Karten eingeführt aufgrund seiner Idee. Deutschland erledigte derweil seinen Job. Albert Brülls und Uwe Seeler sorgten für ein 2:1 gegen die Schweiz. Im abschließenden Gruppenspiel wartete Gastgeber Chile vor mehr als 67.000 Zuschauern. Horst Szymaniak traf per Elfmeter, Seeler legte zum 2:0 nach. Damit schob sich die Herberger-Elf sogar noch an den Chilenen vorbei und wurde Gruppensieger. Italien verabschiedete sich trotz eines abschließenden 3:0 gegen die Schweiz aus dem Turnier. Die Eidgenossen wiederum hatten drei Spiele, drei Niederlagen und 2:8 Tore im Reisegepäck.
In Viña del Mar ging die Gruppe 3 über die Bühne. Brasilien, die Tschechoslowakei, Spanien und Mexiko bezogen Stellung im Estadio Sausalito. Die Stadt lag direkt am Pazifik und bot das Kontrastprogramm zum furztrockenen Arica. Hier kickte Titelverteidiger Brasilien mit Pelé, Garrincha, Didi, Vavá und Zagallo - aber auch die Spanier hatten eine Truppe im Gepäck, bei der einem schwindelig werden konnte. Luis Suárez, Europas Fußballer des Jahres 1960, Francisco Gento, José Santamaría, Luis del Sol, Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás standen im Aufgebot. Di Stéfano konnte wegen einer Verletzung allerdings kein einziges WM-Spiel bestreiten. Mit solchen Namen sollte man meinen, dass die Spanier wenigstens die Vorrunde überleben würden. Pustekuchen. 0:1 gegen die Tschechoslowakei, ein mühsames 1:0 gegen Mexiko und schließlich ein 1:2 gegen Brasilien – Spanien wurde Gruppenletzter und durfte heimfahren. »Moment mal … Puskás? Ja, Puskás!« Genau jener Ferenc Puskás, der acht Jahre zuvor als Kapitän der ungarischen Wunderelf Deutschland im WM-Finale von Bern gegenüberstand. Der »galoppierende Major« hatte für Ungarn 84 Tore in 85 Länderspielen erzielt. Nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 kehrte Puskás nicht mehr in seine Heimat zurück, ließ sich schließlich in Spanien nieder und schoss bei Real Madrid Tore am Fließband. Er nahm die spanische Staatsbürgerschaft an und durfte fortan für Spanien auflaufen. So kam es, dass der Mann, der 1954 noch im ungarischen Trikot Weltmeister werden wollte, 1962 plötzlich mit dem spanischen Wappen auf der Brust bei einer WM auftauchte. Drei Spiele absolvierte er in Chile, getroffen hat er nicht. Insgesamt brachte es Puskás auf vier Länderspiele für Spanien - ohne Tor. Brasilien hatte derweil ein ganz anderes Problem. Pelé traf beim 2:0 gegen Mexiko noch selbst, verletzte sich anschließend beim 0:0 gegen die Tschechoslowakei und fiel für den Rest der WM aus. Für ihn rückte Amarildo in die Mannschaft. Gegen Spanien lag Brasilien 0:1 zurück und wackelte bedenklich, ehe ausgerechnet Pelés Ersatzmann zweimal zuschlug und das Spiel zum 2:1 drehte. Der Weltmeister war weiter - Der »Amigo« flog raus und heim. Mexiko setzte zum Abschied noch einen drauf. Gegen die bereits qualifizierte Tschechoslowakei lagen die Mexikaner nach gerade einmal 20 Sekunden 0:1 hinten, drehten das Ding aber zum 3:1. Es war der erste WM-Sieg Mexikos überhaupt. Genützt hat er für das Weiterkommen nichts. Sportlich machten Brasilien und die Tschechoslowakei das Rennen. Besonders kurios: Beide hatten sich in der Vorrunde 0:0 getrennt. Gut zwei Wochen später sollten sie sich erneut gegenüberstehen - diesmal im WM-Finale.
Die vierte Gruppe wurde in Rancagua ausgespielt. Ungarn, England, Argentinien und WM-Neuling Bulgarien trafen im Estadio Braden Copper Company aufeinander. Das rund 18.000 Zuschauer fassende Stadion gehörte der amerikanischen Braden Copper Company, die in der Gegend die riesige Kupfermine El Teniente betrieb. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1960 und dem Wegfall mehrerer ursprünglich vorgesehener WM-Städte stellte das Unternehmen sein Stadion für das Turnier zur Verfügung. So kam Rancagua überhaupt zu seiner Weltmeisterschaft.
Die Ungarn waren längst nicht mehr jene Wunderelf, die Deutschland 1954 im Finale von Bern beinahe um das Wunder gebracht hatte. Einer von damals war allerdings immer noch dabei: Torhüter Gyula Grosics. Vor ihm wuchs bereits die nächste ungarische Fußballgröße heran. Flórián Albert war 20 Jahre jung und sollte später zu einem der besten Stürmer Europas werden. Gegen England zeigte er gleich, was in ihm steckte. Ungarn gewann 2:1, Albert erzielte den Siegtreffer. Gegen Bulgarien wurde anschließend richtig eingeschenkt: 6:1. Albert traf dabei dreimal und kam alleine in der Vorrunde auf vier Tore. Auch England hatte reichlich Prominenz dabei. Bobby Charlton, Jimmy Greaves, Johnny Haynes und der erst 21-jährige Bobby Moore standen auf dem Rasen. Nach der Auftaktniederlage gegen Ungarn waren die Engländer gegen Argentinien bereits unter Druck. Diesmal funktionierte die königliche Fußballmaschine: Ron Flowers per Elfmeter, Bobby Charlton und Jimmy Greaves sorgten für ein 3:1. Ausgerechnet dieser Sieg sollte den Engländern später noch den Hintern retten. Denn Argentinien hatte zum Auftakt Bulgarien 1:0 geschlagen und anschließend gegen England verloren. Im letzten Spiel trotzten die Südamerikaner dem starken Ungarn ein 0:0 ab. England wiederum brachte gegen Bulgarien ebenfalls nicht mehr als ein 0:0 zustande. Damit standen England und Argentinien punktgleich bei 3:3 Zählern. Damals entschied allerdings nicht unsere heutige Tordifferenz, sondern der Torquotient. England hatte 4:3 Tore, Argentinien 2:3 - und damit waren die Engländer weiter. Die Argentinier durften trotz gleicher Punktzahl die Heimreise antreten.
Sportlich machten Ungarn und England das Rennen. Die Magyaren marschierten mit 5:1 Punkten und 8:2 Toren als Gruppensieger ins Viertelfinale. England quetschte sich als Zweiter hinterher. Argentinien und Bulgarien waren draußen. Besonders bitter für die Argentinier: Ihnen fehlte nicht einmal ein Punkt - ihnen fehlte Mathematik auf der richtigen Seite des Bruchstrichs.
Auch bei den Ausrüstern war die Fußballwelt noch weit von heutigen Verhältnissen entfernt. Firmenlogos prangten nicht auf der Brust, selbst wenn bereits Hersteller hinter den Trikots standen. Weltmeister Brasilien wurde von der heimischen Firma Athleta eingekleidet – selbst Pelés Originaltrikot von 1962 trägt innen deren Etikett. England lief in Bukta auf, während bei zahlreichen anderen Teilnehmern noch eigene oder heimische Produktionen üblich waren. Das große Geschäft mit jährlich wechselnden Leibchen, drei Trikotsätzen und millionenschweren Ausrüsterverträgen lag noch in weiter Ferne. 1962 sollte das Trikot in erster Linie verraten, für welches Land man spielte – und nicht, bei welchem Hersteller die Kasse klingelte.
Acht Mannschaften waren übrig und am 10. Juni wurde gleichzeitig an vier Orten um den Einzug ins Halbfinale gebüffelt. Deutschland durfte nach drei Vorrundenspielen in Santiago gleich dortbleiben. Gegner im Estadio Nacional war Jugoslawien und damit ein alter Bekannter. Bereits 1954 und 1958 hatten sich beide im Viertelfinale gegenübergestanden; beide Male setzte sich Deutschland durch. Aller guten Dinge waren diesmal allerdings nicht drei. Vor 63.324 Zuschauern blieb es lange torlos, ehe Petar Radaković kurz vor Feierabend zum 1:0 für die »Jugos« traf. Deutschland war draußen. Besonders bitter: Die Herberger-Elf hatte während des gesamten Turniers gerade einmal zwei Gegentore kassiert. In Arica bekam es Gastgeber Chile mit der Sowjetunion und dem »Schwarzen Panther« Lew Jaschin zu tun. Leonel Sánchez drosch einen Freistoß zur chilenischen Führung ins Netz, Igor Tschislenko glich aus, ehe Eladio Rojas praktisch im Gegenzug das 2:1 erzielte. Dabei blieb es. Die Chilenen standen bei ihrer Heim-WM tatsächlich im Halbfinale, während einer der Turnierfavoriten samt Welttorhüter Jaschin die Koffer packen durfte. In Viña del Mar wartete England auf Weltmeister Brasilien. Pelé fehlte weiterhin verletzt, aber inzwischen hatte Garrincha beschlossen, dass man einen Weltstar notfalls auch durch einen anderen ersetzen konnte. Der krummbeinige Rechtsaußen brachte Brasilien in Führung, Gerry Hitchens glich aus. Nach der Pause traf Vavá zum 2:1, ehe Garrincha mit seinem zweiten Treffer den Deckel auf das 3:1 setzte. Zwei Tore und eine überragende Vorstellung … spätestens jetzt gehörte die Bühne dem kleinen Mann mit den schiefen Beinen. Bleiben Rancagua und die Tschechoslowakei gegen Ungarn. Die Magyaren waren nach ihrer starken Vorrunde favorisiert und hatten mit Flórián Albert einen der auffälligsten Torjäger des Turniers im Gepäck. Doch Adolf Scherer traf bereits nach 13 Minuten zum 1:0. Danach machte Torhüter Viliam Schrojf den Laden dicht. Ungarn rannte an, traf aber nicht mehr und musste nach Hause. Die Tschechoslowakei, die in der Vorrunde sogar 1:3 gegen Mexiko verloren hatte, stand plötzlich unter den letzten Vier.
Im Halbfinale war für Gastgeber Chile Endstation. Mehr als 76.000 Zuschauer pilgerten ins Estadio Nacional von Santiago und hofften auf das nächste Wunder. Brasilien hatte allerdings Garrincha. Der »Engel traf zweimal, Vavá ebenfalls zweimal … 4:2 für den Weltmeister. Chile wehrte sich mit Treffern von Jorge Toro und Leonel Sánchez, musste aber einsehen, dass der Nachbar an diesem Tag eine Nummer zu groß war. Kurz vor Schluss wurde es noch einmal kurios: Garrincha trat nach einem Foul seines Gegenspielers nach und flog vom Platz. Damit drohte ausgerechnet dem besten Brasilianer die Sperre fürs Finale. Damals bedeutete ein Platzverweis allerdings noch keine automatische Sperre. Der Fall wurde verhandelt - Garrincha durfte im Endspiel antreten.
Im zweiten Halbfinale traf die Tschechoslowakei in Viña del Mar auf Jugoslawien. Gerade einmal 5.890 Zuschauer verloren sich im Estadio Sausalito. Josef Kadraba brachte die Tschechoslowaken kurz nach der Pause in Führung, Dražan Jerković glich aus. Dann kam Adolf Scherer. Zwei Treffer in der Schlussphase - einer davon per Elfmeter - machten aus dem 1:1 ein 3:1 und aus der Tschechoslowakei einen WM-Finalisten.
Am 17.Juni war das Estadio Nacional in Santiago Schauplatz des Endspiels. Brasilien gegen die Tschechen - diese Paarung hatte es bereits in der Vorrunde gegeben. Dort war beim 0:0 kein einziges Tor gefallen. Diesmal dauerte es nur 15 Minuten, ehe Josef Masopust die Tschechoslowaken tatsächlich 1:0 in Führung brachte. Der Weltmeister wackelte allerdings nur zwei Minuten. Amarildo, stellte auf 1:1. Nach der Pause erledigten die Brasilianer den Rest. Zito köpfte in der 69. Minute das 2:1, Vavá nutzte neun Minuten später einen Fehler des bis dahin starken tschechoslowakischen Torhüters Viliam Schrojf zum 3:1. Feierabend. Brasilien war zum zweiten Mal, nach 1958. Weltmeister.
