Wie es die Sonne so wollte, landete ich unter anderem in Split. Ich muss zugeben – nicht der Sonne wegen, denn die hat’s nördlicher an der kroatischen Küste ebenso. Und der Campingplatz in Stobreč … vergleichbar mit einem Zeltlager in der Einflugschneise des Benito Juárez International Airport in Mexico City. Die Schnellstraße, die nach Split und aus Split führt, schien durch mein Bett zu laufen. Also, wer hier Urlaub macht, muss eine Testperson sein oder jemand, der vor etwas flüchtet, was außerhalb meiner Vorstellungskraft liegt.


Um 20 Uhr begann das Spiel, Hajduk gegen Slaven Belupo. »Slaven was?« Natürlich hatte ich den Namen schon einmal gehört – konnte aber nun eine Gegend namens Belupo auf keiner Landkarte finden. »Gibt’s auch nicht!« Der Verein kommt aus Koprivnica, einer Stadt an der ungarischen Grenze, die etwa so groß wie Durlach ist. Belupo ist der Name des Sponsors des 1907 gegründeten Vereins. Ein Pharmakonzern aus Kroatien, der diese Truppe unterstützt und am Leben hält. Wer durch Dalmatien reist, dem wird schnell klar, was Hajduk für diese Region bedeutet. Jeder, der hier lebt, liebt und verehrt Hajduk. Die Truppe könnte man vom Stellenwert her mit Borussia Dortmund vergleichen. Die Ambitionen sind himmelhoch, das Fan-Aufkommen für kroatische Verhältnisse riesengroß (ø 20.000 Zuschauer) und der letzte Erfolg … vor 21 Jahren (2005) mit der sechsten und letzten kroatischen Meisterschaft. Superstar der Garde ist der gebürtige Spliter Marko Livaja, der einen Stellenwert einnimmt, den wir uns in Deutschland überhaupt nicht vorstellen können. Hier scheinen die Neugeborenen mit einem Livaja-Trikot zum Taufbecken geführt zu werden. Um einem Karlsruher den Verein aus Split nahezubringen … Die Stadt ist nur halb so groß wie unsere Fächerstadt (310.000/160.000 Einwohner), besitzt aber sechsmal so viele zahlende Mitglieder wie Blau-Weiß aus dem Wildpark (18.000/120.000). Dass der große Feind aus Zagreb neunzehn der letzten 21 Meisterschaften feierte und der Nachbar aus Istrien, Rijeka, die anderen beiden … das wurmt die »Torcida«, die 1950 gegründet wurde.


Dabei wurde Hajduk, wenn man es staatsrechtlich streng nimmt, gar nicht in Kroatien gegründet - zumindest nicht in einem unabhängigen kroatischen Staat. Die vier Studenten Fabjan Kaliterna, Lucijan Stella, Ivan Šakić und Vjekoslav Ivanišević aus Split studierten 1911 in Prag und beschlossen nach dem Besuch eines Spiels (Sparta vs. Slavia), in der Heimat einen Verein aufzubauen. Als sie ihren Lehrer in seinem Büro aufstöberten, wirkte der vom Aufmarsch überrascht und soll gesagt haben: »Was stürmt ihr hier so rein wie die Hajduken?« (Rebellen, Freiheitskämpfer). Damals gehörten sowohl Prag als auch Split zu Cisleithanien, die österreichische Reichshälfte Österreich-Ungarns. Die vier Gründer waren von Rechts wegen Österreicher. Da sie sich aber als Kroaten verstanden, verwendeten sie schon damals die »Šahovnica«, um ein Wappen des Vereins zu gestalten – das berühmte kroatische Schachbrettmuster.


Wir bevorzugten es, mit dem Bus in die Altstadt zu donnern, weil es doch zehn Kilometer waren und wir nicht um zehn Uhr bei Dunkelheit mit dem Rad durch eine wildfremde Stadt heimradeln wollten. Die Altstadt von Split … ein Hammer und nicht zu vergleichen mit der Skyline und schon gar nicht mit der Umgebung des Stadions Poljud, das 1979 eröffnet wurde. Das Dach war seinerzeit ein Novum und man nannte es »Poljudska ljepotica« (Die Schönheit Poljuds), wobei ich hier anmerken muss, dass Schönheit, nicht nur bei Menschen, mit zunehmendem Alter durchaus ein wenig Pflege benötigt. Die »Schönheit Poljuds« ist mittlerweile jedenfalls sichtbar in die Jahre gekommen. Vergleiche mit Mick Jagger seien an dieser Stelle durchaus erlaubt, denn ein gewisser Reiz kann bekanntlich auch dann noch vorhanden sein, wenn der Zahn der Zeit längst kräftig mitgenagt hat.


Nach einem Fußmarsch durch ein Wohngebiet, das wahrscheinlich noch Titos beste Jahre erleben durfte, erschien in weiter Ferne die überdimensionale Muschel. An Plattenbauten vorbei, den Sozialismus vor der Brust: beschmierte Wände, grauer Putz, Parolen und Plätze, die im Kalten Krieg mehr Militärparaden mitmachten als Erich Honecker Staatsbesuche. Hier und da bröckelt der Charme Jugoslawiens noch ganz ungeniert aus der Fassade – architektonisch irgendwo zwischen Arbeiter-und-Bauern-Staat, Waschbetonromantik und »Farbe war gerade aus«. Wer auf dem Weg zum Poljud mediterrane Postkartenidylle erwartet, merkt jedenfalls schnell: Split kann nicht nur Palmen und Adria – Split kann auch Beton. Und davon reichlich.


Bereits um 18 Uhr standen wir vor den Toren des Stadions. Erschreckend viele kleine Gebäude, die einst als Ticketschalter das Licht der Welt erblickten. Heute stehen sie leer; wirken unheimlich. Um eingelassen zu werden, mussten wir Geduld mitbringen. Es gab Karlovačko aus der Dose für ’nen stolzen Fünfer, Ćevapčići und diverse andere Kostbarkeiten. Für die Karte zahlten wir über »Mitglieder« 31 Euro pro Person. Die Rolle des nackten Mannes übernimmt in Split eine seltsam-skurrile Figur, die mich spontan an eine erschlagene Stechmücke erinnerte, die man anschließend zur Abschreckung ihrer Artgenossen auf einen Sockel genagelt hat. Einlass um 18:30 Uhr ins »Poljud«. Drinnen im Rund schmetterten Pino i Denis »Pivaj Dalmacijo«; die Hardcore-Fans montierten ihre Banner und das Stadion füllte sich spärlich. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich um 19:40 Uhr meinte, hier spielt der FV Grünwinkel gegen die Albsiedlung. Das Rund war leer, Livaja saß auf der Bank und Fans aus Koprivnica … maximal zehn, und die fand ich nicht. Doch so langsam füllte sich die Geschichte, bis auf die Gegenseite, und wir bekamen ordentlich Stimmung, ein schnelles und gutes Spiel und Popcorn, soweit das Auge reichte. Bamba mit einem Abseitstor (15.). Abermals der emsige Bamba, der nach 22 Minuten Dalisson bediente, und der schloss mit dem Tor des Tages ab. Mažar (Belupo) musste nach 79 Minuten runter (Gelb-Rot); Livaja kam in der 80. Spielminute zum Einsatz und auf der Anzeigetafel erschienen 15.064 Zuschauer. Insgesamt ein geiler Ausflug, den ich exakt so wieder machen muss. Slavens Elfer gefiel mir. Ein guter Mann für die hiesige 2. Liga. Josip Mitrović … etwas ungewöhnlich für einen Profifußballer: Er nutzt keine sozialen Medien; nach eigener Aussage liest er lieber, hört Podcasts, geht mit dem Hund spazieren und beschäftigt sich mit Fußball und Basketball.











