»Wenn er wollte, könnte er Präsident unseres Landes werden«, urteilte einst der zypriotische Honorarkonsul Nicos Attas über Μάρκος Ράινερ Ράουφμαν. Dabei begann die Karriere des Westfalen aus Kleve recht spärlich beim oberpfälzischen TSV Ampfing, den wir heute in der Landesliga wiederfinden. Unseren Kandidaten müssen wir heutzutage wohl irgendwo zwischen Karpasia und Pissouri suchen.
Im Jahre 1967 wurde Rainer Rauffmann geboren. Bei der SpVgg Ebermannsdorf erlernte der großgewachsene Hüne das ABC des Ballsports. Im Jahre 1991 rief die Hauptstadt - und »RR« folgte dem Ruf des Zweitliga-Neulings Blau-Weiß 90 Berlin, wo einst Kalle Riedle seine ersten Lorbeeren einheimste. Sechs Tore in achtzehn Spielen - keine schlechte Quote für den 24-jährigen Profi-Debütanten. Kultclub Meppen aus dem Emsland brauchte einen Stoßstürmer für ihr aufreibendes Flügelspiel. Rauffmann schien wie geschaffen für die Truppe aus dem hohen Norden, die drei Jahre lang zur Heimat des Westfalen werden sollte. Siebenunddreißig Hütten in 105 Rutschen. Das sprach sich rum bis zum Römer in der hessischen Hauptstadt. Das Bundesliga-Debüt - mit 28 Jahren bei Eintracht Frankfurt. Dragoslav Stepanović zog die Fäden in einem Star-Kader mit Spielern wie Furtok, Ekström, Doll, Okocha, Falkenmayer und Gaudino. Eine halbe Million Mark ließ sich der hessische Traditionsverein den Deal kosten. Rauffmann legte los wie das berühmte Dampfbügeleisen und erzielte gleich in seinem ersten Bundesliga-Spiel gegen den KSC seinen ersten Treffer. Doch die Saison sollte als eine der denkwürdigsten Eintracht-Runden überhaupt in die Vereinsgeschichte eingehen. Trotz einer Masse an Superstars stiegen die Hessen erstmals in die Zweite Bundesliga ab. Rainer R. kam auf maue vier Buden in 26 Partien. Für schlappe 300.000 Mark verpflichtete Arminia Bielefeld den Offensiven. Es sollte seine letzte Amtszeit in Deutschland werden. Coach Ernst Middendorp kritisierte Rauffmann aufgrund seiner taktischen Auffassung bei einem Trainingsspiel. »Ich wollte lieber hinten bleiben, um das Spiel zu gewinnen.« Wie wir heute wissen, war der gute Ernst Middendorp kein Feiner. Er stellte den Stürmer vor versammelter Mannschaft zur Rede, was Rauffmann wiederum mit der Erklärung konterte: »Wir haben acht gegen elf gespielt und führten 2:0.« Daraufhin zitierte der Trainer seinen Akteur zu einer Strafeinheit. Rauffmann musste Runden drehen, bis ihm schlecht wurde. Die Anweisung lautete sinngemäß: »Lauf, bis ich dich zurückrufe.« Der Übungsleiter vergaß den Aufmüpfigen jedoch, was die Einheit zu einer Art Endlosschleife werden ließ. Rauffmann lief tatsächlich so lange, bis ihm schwarz vor Augen wurde. In der Folgezeit wurde der »Lange« nicht mehr berücksichtigt, was eine Luftveränderung forcierte. »In Deutschland ist mein Name kaputt!« Das Missverständnis endete mit vier Bundesligaspielen und einem Tor für Bielefeld und sorgte schließlich für die Flucht nach Österreich zum Linzer ASK. Die Liaison war jedoch von kurzer Dauer und beschränkte sich auf wenige Monate, ehe sein Berater zum Meeting bat. Omonia Nikosia hatte angefragt. Rauffmann soll damals gesagt haben: »Was soll ich auf Zypern?« Dennoch ging er das Abenteuer ein und resümierte am Ende seiner Laufbahn: »Das war das Beste, was mir passieren konnte!«
In der zypriotischen Hauptstadt wurde der »Blinde« zum »Trellos Germanos« und zum »To Fainomeno«. Er erzielte in einem Testspiel acht Treffer, wurde viermal in Serie Torschützenkönig und kam in 153 Ligaspielen auf sagenhafte 192 Hütten. In seiner ersten Saison erzielte »Markos« in nur 25 Partien 42 Tore. Hier lernte er seine Frau Maria kennen. Hier kam seine Tochter Mikaella zur Welt. Hämischen Bemerkungen aus der Heimat antwortete der Torjäger mit Sätzen wie: »Ein Blinder würde hier keine 40 Tore machen.« Oder: »Ich laufe die 100 Meter immer noch in 10,8 Sekunden.« Angebote, die reinflatterten, wurden mit einem »Ochi« abgelehnt.
Im Jahre 2002 heiratete er seine zypriotische Frau, konvertierte zum griechisch-orthodoxen Glauben und erhielt seinen zypriotischen Vornamen Markos. Nachdem Rauffmann auch die zypriotische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, ließ die nächste Überraschung nicht lange auf sich warten. Im Länderspiel gegen Frankreich debütierte Rauffmann mit 35 Jahren für die zypriotische Nationalmannschaft. Er kam auf fünf Länderspiele und zwei Treffer, bevor er seine Karriere verletzungsbedingt beenden musste. Bis heute lebt »Markos« auf Zypern. Und bis heute verehren ihn die Omonia-Fans mit Sprechchören während der Spiele ihrer Mannschaft. Vom aussortierten Bundesligaprofi zum Nationalspieler, Kulthelden und vielleicht beliebtesten Deutschen der Insel - auf solche Geschichten kommt nicht einmal Hollywood und auch nicht die Bild-Zeitung.

pfoschdeschuss • 21.06.26