Die Weltmeisterschaft im Jahre 1954 ist uns hier in Deutschland besser bekannt unter dem Namen »Das Wunder von Bern«. Die Deutschen durften neun Jahre nach Kriegsende wieder an einer Weltmeisterschaft teilnehmen und zeigten der Welt, dass sich die Zeiten geändert hatten. Es war nicht nur der erste WM-Titel der Adler, sondern ein historischer Meilenstein, der viel Hoffnung ins Land brachte. Die »Besatzungszone« brillierte mit Einsatz und Gier … was die heutige Generation wohl eher mit einem Internet-Casino in Verbindung bringt. Austragungsort: die neutrale Schweiz, die im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war und eine vorhandene Infrastruktur zur Verfügung stellen konnte. Auch die »Ausrüster« sahen in jenen frühen Stunden der Kommerzialisierung ihre Stunde geschlagen. Für ’nen Appel und ’n Ei war es ihnen vorbehalten, ein Team zu unterstützen.
Leuzela, ein heute verschwundener Textilfabrikant, sponserte die deutschen Trikots. Die Schuhe stellte ein gewisser »Adi« Dassler her. Sie waren besonders leicht und angenehm zu tragen. »Rudi« Dassler, Gründer von Puma, rüstete Österreich, Ungarn und Uruguay mit Schuhwerk aus. Umbro krallte sich England und Schottland; Athleta war weiterhin Brasiliens Lieferant. Frankreich marschierte mit Allen Sports ein. Die »Squadra« trug Italo-Sport-Jerseys. Leuzela ging 1975 in erima auf. Allen Sports verschwand 1965 aus den Regalen und Italo Sport … war damals die ganz große Nummer im Stiefeletten-Land. Sogar die italienischen Olympioniken liefen in Klamotten von Italo Sport herum, das ein gewisser Italo Taffa 1937 gegründet hatte. Erst anno 1996 wurde die Firma endgültig geschlossen.
Sechzehn Mannschaften fanden sich in der pittoresken Schweiz ein. Vier Vierergruppen, in denen nicht jeder gegen jeden spielte. Da jede Gruppierung zwei gesetzte und zwei ungesetzte Mannschaften einschloss, spielten die Ungesetzten jeweils nur gegen die Gesetzten, was zu zwei Spielen pro Mannschaft führte. Frankreich, die Türkei und Italien mussten als Mitfavoriten nach der Vorrunde heimreisen. Die großen Neuerscheinungen hießen Jugoslawien, Westdeutschland und die Schweiz. Österreich setzte sich gegen die Schweiz durch (7:5) … bis heute das torreichste Spiel einer WM-Endrunde. Die »Urus« schlugen das selbsternannte Mutterland des Fußballs, England, mit 4:2. Die Ungarn dominierten Brasilien (4:2) und galten fortan als der kommende Weltmeister. Unsere Elf jubelte gegen die Jugoslawen über ein 2:0. Als dann im Halbfinale Ungarn Weltmeister Uruguay aus dem Turnier kegelte (4:2 nach Verlängerung), sah man sich in seinen Behauptungen bestätigt. Wer sollte Puskás und Probanden bezwingen? Etwa Deutschland (6:1 vs. Österreich), das in der Vorrunde mit einem 3:8 gegen die Magyaren baden gegangen war?
Heute wissen wir, dass die Ungarn das deutsche Team unterschätzten und die historische Chance, Weltmeister zu werden, verstreichen ließen (2:3). Nie mehr bot sich den Ungarn eine solche Chance.
Was blieb hängen … Schraubstollen als Trumpf; eine WM erstmals live im Fernsehen; ein Tormann mit Sonnenstich. Bei der Hitzeschlacht von Lausanne (Schweiz vs. Österreich 5:7) erlitt »Ösi-Tormann« Kurt Schmied bei rund 40 Grad einen Sonnenstich. Da damals keine Auswechslungen stattfinden durften, musste er benommen durchspielen. Ein Masseur stand hinterm Tor und kühlte ihn regelmäßig runter. Von Klimawandel und den Grünen war damals keine Rede … »Hört, hört!« Drei Platzverweise bei der Schlacht von Bern (Ungarn vs. Brasilien 4:2); die erste WM-Niederlage einer uruguayischen Nationalmannschaft und ein Ungar, der mit zugebundenen Augen einen Apfel vom Kopf schoss: Kocsis mit elf Treffern. Die deutschen Spieler erhielten als Prämie 200 D-Mark, einen Fernseher und einen Motorroller, bevor sie wieder in ihre normalen Berufe zurückkehrten. Die Ungarn hingegen versteckten sich drei Tage in Tata, sechzig Kilometer von Budapest entfernt, weil in der Hauptstadt das Volk vor Wut tobte.

pfoschdeschuss • 16.08.26