Die Weltmeisterschaften

1930 • Die Reise über den Teich

»Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.« Mit diesem Satz sorgte Kanzler Merz für Aufsehen. Wenn dieser Geselle künftig über ein Aufbäumen von Staat und Wirtschaft urteilt, sollte man wissen, inwieweit man ihn ernst nehmen muss. Deutschland blamierte sich bei dieser WM bis auf die Knochen. Bei einem Teilnehmerfeld von 24 Mannschaften wäre unser Team gar nicht dabei gewesen. Und seien wir ehrlich: Die eigentliche Weltmeisterschaft beginnt ohnehin erst mit dem Sechzehntelfinale.

Im Jahr 1930 war Deutschland ebenfalls nicht dabei - eine der wenigen Weltmeisterschaften ohne Schwarz-Rot-Gold. Damals stand der sportliche Ehrgeiz im Mittelpunkt. Ruhm und Ehre trieben die Athleten nach Montevideo, um für ihr Land die Knochen hinzuhalten. Reichtum, Follower, Medienpräsenz und Fernsehübertragungen waren so weit entfernt wie Tahs Schuss vom paraguayischen Tor. Berater, Mental-Coaches oder eine Schar trockener Analysten? Fehlanzeige. Brauchte keine Sau - die wollten alle nur spielen …

Die Europäer nahmen eine 14-tägige Seereise in Kauf - ohne Frauen und ohne Familie. Trainiert wurde an Bord. Frankreich, Belgien und Rumänien schipperten gemeinsam mit dem WM-Pokal und FIFA-Präsident Jules Rimet auf der »Conte Verde« über den Atlantik. In Rio de Janeiro legte der Dampfer an, wo die brasilianische Mannschaft zustieg. Die Jugoslawen bevorzugten ein anderes Schiff. Argentinien, Chile, Paraguay, Peru und Bolivien hatten deutlich kürzere Anreisewege, kamen aber ebenfalls per Schiff oder über die Küstenrouten. Nur unwesentlich weiter war der Weg für Mexiko und die USA.

Alle 18 Spiele wurden in lediglich drei Stadien ausgetragen - ausschließlich in Montevideo. Das Estadio Centenario, errichtet zum 100.Jahrestag der ersten uruguayischen Verfassung, war das größte Stadion und Schauplatz der Halbfinals sowie des Endspiels. Da der Bau zum Turnierbeginn noch nicht abgeschlossen war, dienten das Gran Parque Central und das Estadio Pocitos zunächst als Ausweichspielstätten.

Ein Trikottausch war damals nicht vorgesehen, denn jede Mannschaft hatte lediglich einen Trikotsatz im Gepäck. Frankreich musste sich sogar einen Satz von einem örtlichen Verein leihen, weil die eigenen Farben denen des Gegners zu sehr ähnelten. Ausrüsterfirmen? Keine Chance … Die Nationalmannschaften spielten in Trikots kleiner heimischer Textilbetriebe.

Am Ende standen sich Argentinien und Uruguay im Finale gegenüber. Die Gauchos liefen in ihren bekannten hellblau-weiß gestreiften Trikots auf, die Urus in schwarzen Hosen und himmelblauen Oberteilen. Weil man sich nicht auf einen Spielball einigen konnte, wurde die erste Halbzeit mit einem argentinischen Ball gespielt, die zweite mit einem Modell aus Montevideo. Vor 68.000 Zuschauern führte die Albiceleste mit »ihrem« Ball zur Pause mit 2:1. Nach dem Seitenwechsel drehte Uruguay die Partie, gewann mit 4:2 und feierte den ersten WM-Titel der Geschichte im eigenen Land. Ein Spiel um Platz drei gab es nicht. Die FIFA legte später fest, dass die USA den dritten Rang belegten und Jugoslawien als beste europäische Mannschaft Vierter wurde. Manchmal genügte also ein Schiff, ein Trikotsatz und zwei verschiedene Bälle, um Weltgeschichte zu schreiben und ich bin sicher … der Wettbewerb war ehrlicher.


pfoschdeschuss • 02.07.26