»Cool-Tour«
Ein Sommertag auf der Fautenhau-Alm

Exakt neun Jahre ist mein letzter Besuch in Grossaspach her. Damals spielte die SG daheim gegen den späteren Aufsteiger, Holstein Kiel, in der 3.Liga und die Erinnerungen waren nicht die besten. Ein Freistoßtreffer nach wenigen Minuten (0:1) - ansonsten Langeweile pur. Stimmung schwach; Busverbindung katastrophal und Dinkelacker-Bier. Mehr Tristesse geht nur noch mit Regen von unten. Ein freier Samstag am 2.Mai 2026 brachte die »WIR-MACHEN-DRUCK-ARENA« erneut in den Fokus. Rot-Weiss Essen kommt zum VfB Stuttgart II und als alter Traditionalist ziehen mich Vereine, wie der Ruhrpott-Clan, magisch an. Dass der VfB II bei der Fautenhau-Alm seine Heimspiele austrägt? Hat die Landes-Hauptstadt kein eigenes Stadion für den zweiten Anzug der Brustringträger? Zweiunddreißig Kilometer Anreise zu einem Heimspiel? Fans kann man hier keine erwarten, denn die einen fahren mit der Ersten und den Daheimgebliebenen ist eine Anreise nach Aspach zum Großteil zu weit. Der Erfinder dieses Schildbürger-Streichs muss zuvor in Stuttgart 21 involviert gewesen sein. Von den 3350 Zuschauern waren sicherlich 3100 aus Essen. Die Gegentribüne - eine Farce … dagegen ist ein Kreiswehrersatzamt Karneval in Rio.



Ich bevorzugte die Fahrt mit dem Camper um die lausige Busverbindung aus dem Weg zu gehen und bekam übers Internet die Möglichkeit angeboten, am Ortsausgang von Kleinaspach einen Stellplatz anzusteuern, der nur fünf Minuten Fussweg vom Stadion entfernt sein sollte. Also schnappte ich meine »Vany« (Wohnmobil-Name) und meine »Dani« (Ehefrau) und reiste ins Schwabenland. Um halb vier kamen wir an - Eselsweg in Kleinaspach; Platz genug und müheloses Ankern. Kurze Orientierung und ein strammer Marsch Richtung Fautenhau-Alm durch eine wunderschöne schwäbische Natur mit Gräsern, Kühen, Alpakas, Bierchen und all das, was ein Wanderherz begehrt. »Fünf Minuten Fussweg?« Schlichtweg gelogen, denn wir mussten 2,5 Kilometer bewältigen um die Flutlichtmasten der Heimstätte von Andrea Berg zu erblicken. Die ersten Fangesänge drangen in den Wald, wo einsam und allein ein Späher einen Weg besetzte, der wohl damit behaftet war, eventuelle Gruppierungen, die durch das Gehölz durchbrachen, zu melden. Das Schmuckkästchen (Stadion) - ein gelungenes Projekt mit einem schönen Clubhaus im Blockhaus-Stil. Bevor wir unsere Sitzplätze einnahmen war Getränke holen angesagt. Die Tatsache, Weinschorle fertig gemischt in einer Flasche, zu verkaufen, ist schon mal eine Demütigung für jeden Weintrinker. Dann aber dafür 6,50 Euro zu verlangen grenzt an Wucher. Dazu ein Dinkelacker-Bier und elf Euro wechselte den Besitzer. »Chapeau«, sagt der »Hugenotte« bei Bewunderung. Oder auch: Mut zur Lücke im Portemonnaie.



Der Sitzplatz genial mit freier Sicht auf die Akteure. Die Essen-Fans, wie man sie kennt. Tradition; Fahnenmeer und Stimmung. Geiler Anblick und Lust auf mehr. Rot-Weiss, Tabellen-Dritter, gegen die jungen Wilden vom VfB, deren Namen nur Insider kennen. Der Favorit aus dem Ruhrpott konnte zu Beginn des Spieles gefallen. Ruben Reisig trieb das Spiel nach vorne an und man merkte - leider zu kurzzeitig - dass diese Essener Mannschaft den Drilling entführen möchte. Jannik Hofmann, der emsig auf meiner Seite agierte - ein Schwachpunkt in der Truppe von Uwe Koschinat. Zumindest in den mir gebotenen 90 Minuten. Doch er sollte nicht alleine bleiben, denn das Team nahm sich ein Beispiel. Ein Elfmeter nach 24 Minuten (Sessa) darf noch als kleiner Betriebsausfall bezeichnet werden. »Aber jetzt ….« Doch irgendwie haben die Jungs von der Emscher die Ruder im Ruhrpott vergessen. Abermals Sessa machte vor dem Pausenpfiff das 2:0. Und damit war der Plan wohl schon vollständig konträr umgesetzt.



»Sechs Stunden Fahrt für so einen Scheissdreck«, hörte ich beim Bierholen aus dem Munde Essener Edel-Fans, die teilweise einen Tag vorher anreisten und logischerweise mehr erwarteten. Sie sollten überrascht gewesen sein, was hier noch Luft nach unten vorhanden war, denn wer jetzt meinte, die Rotweissen kommen aus den Katakomben und bestürmen auf »Teufel komm raus« die VfB-Box; der hätte an jenem Samstag vielleicht eher das Maifest im benachbarten Rietenau besuchen sollen. Der überragende Ecuadorianer, Arevalo, machte nach 56 Minuten das entscheidende 3:0 gegen den Aufstiegsanwärter. Ein Fussball-Märchen, dass den Großteil der Besucher nicht sonderlich abholte. Mohamed Sankoh erhöhte nur fünf Minuten auf 4:0 während sich Essener im Fanblock gegenseitig an den Kragen gingen. VfB-Fans waren ja keine da …. Unten hingegen erzielte Arevalo das 5:0 und 6:0 (78.,82). Auflösungserscheinungen beim Traditionsverein, denen ein 6:1 durch Potocnik gelang. Wenn diese Mannschaft in dieser Form im kommenden Jahr ein Zweitligist sein soll, dann reicht’s offenbar, die Schuhe richtig herum anzuziehen um aufzusteigen.

Ich hab ein tolles Fußballspiel erleben dürfen bei deftigen Preisen und schlecht gelaunten Servicekräften im relativ toten Clubhaus. Tolle Landschaft; schönes Stadion und Weltklasse-Wetter. Insgesamt ein Ausflug, der sich gelohnt hat, wenn man kein Essen-Fan war. »Schää war’s!«
















pfoschdeschuss • 03.05.26