Eine Weihnachtsgeschichte


Damals als …

Als ich 1978 die Bundesliga und den Fußball für mich entdeckte, da gab es drei reine Fußball-Stadien (Bochum, Dortmund, Mönchengladbach) und ich meine, zwei Stadien mit Rasenheizungen (Stuttgart, München). Ein Kick mit orangenen Bällen auf weißem Untergrund - so gewöhnlich wie Telefonzellen und Kaugummi-Automaten in den Straßen der Stadt. Die Profis blieben oft jahrelang ihren Vereinen treu - und im Amateurbereich spielten die Reserven das Vorspiel. Unkompliziert und stabil. Fiel das Vorspiel aus, dann wurden die Punkte geteilt. Eine offizielle Tabelle gab es nicht und nachgeholt wurde auch nichts. Spielausfälle der Ersten hielten sich in Grenzen - Sportplätze waren Plätze um Fußball zu spielen; im Gegensatz zu heute in erbärmlichen Zuständen; aber eben bespielbar, wenngleich es auch mal matschig wurde. Die Sportgeschäfte verkauften noch Sechzehner-Schraubstollen; nicht das Wetter war zu schlecht - höchstens das Schuhwerk nicht ausreichend. Heute reichen Tausendfüßler, denn bei 5 Milliliter Regen pro Quadratmeter fallen die meisten Spiele eh aus. So teilte mir vor kurzem ein Spielausschuss mit, dass die Rasenanlage (zwei Plätze) dem Verein 1000 Euro pro Monat kosten in Zeiten, in denen Akteure sich sträuben, Mitgliedsbeiträge zu bezahlen. Wie geht das? Damals war ein Beitrag Grundstock für das Betreiben seines Hobbys und der Platzwart, wenn er nicht gerade ein Ehrenamt ausführte, bekam ein Taschengeld von 150 Mark. Die E-Jugend spielte mit gewöhnlichen Bällen Elf gegen Elf auf kompletter Wiese und eine One-Love-Binde wurde mit der Hippie-Bewegung in Verbindung gebracht.

Der Tango

Ich hatte das Glück mit 8 Jahren einen Tango-Lederball (70 Mark) zu bekommen. Mein ganzer Stolz, der stets auf dem Gepäckträger platziert war. »Es könnte ja ein Bolzplatz auftauchen!« Mit dieser Lederkugel, die regelmäßig eingefettet wurde, war ich immer willkommen auf überfüllten, mit Maulwurfshügeln übersäten, Wiesen. Spiele, Fünfzehn gegen Fünfzehn, waren keine Seltenheit. Wenn ich an meine letztjährige Tour denke, als wir Bolzplätze in Karlsruhe aufsuchten … Über 100 »Bolzer« wurden angesteuert und nur fünf Mal fanden wir Kicker vor; teilweise auf komfortablen Kunstrasenplätzen, von denen wir früher nur träumen konnten. Als man Tango-Ball nach sechs Jahren das Zeitliche segnete, war das so, als ginge ein Familienmitglied. Ich hab ihn nun nicht im Garten vergraben und er hatte auch keine Beine. Doch er überwand Tausende von Kilometern; wurde geboxt und malträtiert.

Man verstand sich noch Talentsichtung großer überregionaler Vereine befand sich noch in den Kinderschuhen; astronomische Summen für Pubertierende, aus dem Elternhaus herausgekaufte Flaumbartträger standen nicht zur Debatte. Die windigen Berater hatten keine Bühne und Fußballer konnten noch selber Sätze verfassen. Typen statt schablonenhafte Marionetten, die hinter Mauern ihr Privatleben verstecken. Das war schön und ehrlich … und man nutzte noch deutsche Wörter um sich auszudrücken. Man war nicht down sondern kaputt und der Gegner bot keine performance sondern eine Darbietung. Man kam nicht aus den flow - man fand höchstens zur Form; der Unterschiedsspieler, den man gerne im Team pflegte, hieß noch nicht matchchanger und der Sportplatz war keine location. Man verstand sich noch und nutzte noch Artikel in einem vollständigen Satz.

Teamgeist und Verlässlichkeit

Früher reichten 16 Mann um eine Saison zu spielen - Sonntag Fußball - das war Gesetz und nur die Geburt des eigenen Kindes führte zur einer Absage - zumindest manchmal. Man feierte in den Kabinen und im verrauchten Clubheim, bis die Freundin oder Ehefrau im Türrahmen erschien. Die Autos blieben selten stehen … schließlich feierte der Dorfsheriff mit und der sorgte für freie Straßen auf dem Heimweg. So durfte ich mal Zeuge sein, als eine erzürnte Ehefrau die Clubhaustür öffnete um dem verdutzten Ehemann Topf und Teller auf den Stammtisch zu knallen. Der Gatte wurde bereits seit zwei Stunden zum Abendessen am heimischen Esstisch erwartet. Das Gelächter am Stammtisch war riesengroß und der »Bestrafte« antwortete lapidar, »geht doch!«

Unter einer Kadergröße von 35 Spielern brauchst du heute kein Team anmelden. Schließlich haben die vier Omas je viermal Geburtstag und wenn die vier Opas nicht schon verstorben sind, dann ist aktiver Mannschafts-Sport kaum zu bewältigen. Tatoos, Haartransplantationen, Laktose-Intolleranz, ein neues Kücken, eine Unterhosenallergie oder ein drohender Hartplatzkick führen heute zu unkomplizierten Absagen, die man bequem über WhattsApp-Gruppen tätigen kann. Das persönliche Gespräch … so überbewertet wie ein Elektro-Auto. Heute dienen Social-Media-Plattformen als unpersönliche Beschäftigung für Menschen, die in ihrer Freizeit nicht wissen, was sie machen sollen, statt Training und Geselligkeit. Spielausfälle, Mannschaftsauflösungen und deprimierte Spielausschüsse sind das Resultat.

Der treue »Willy«

Ich wurde als junger Seniorenspieler Zeuge einer zünftigen Spielersitzung, in dem Martin K 26 Namen in zwei Spalten kritzelte, die dann auch erschienen. Der Zettel wurde ans schwarze Brett genagelt und die Geschichte lief wie durch wie eine Chili-Schote durch den Darm. Absagen - nur persönlich über das ordinäre Telefon, dass ein jeden Flur schmückte.

Eine Anekdote aus meiner Herrenzeit, die heute so weit hergeholt erscheint, als würde Putin für den Weltfrieden werben. Ich nenne ihn mal Willy und der Mann war Lehrer weit außerhalb unserer Region und wohnte in Aue. Von Montag bis Freitag verweilte er am Arbeitsplatz und am Wochenende, wenn der Erzieher heimkehrend die Autobahn in Richtung Aue verließ, lenkte er sein Vehikel am Clubheim vorbei um die Mannschaftsaufstellung wahrzunehmen. Stand er drauf; war er am Sonntag anwesend. Kein WhatsApp; kein Handy; kein Telefongespräch und das über Jahre hinweg. Und so wussten die Freunde der Organisation stets … fehlt ein Mann in der Zweiten, dann wurde der Name des zuverlässigen Goalgetters auf den Bogen implantiert und der Bub stand da wie Boris im Waschraum, ohne das man ihn kontaktiert hat. Heute unvorstellbar …

Der »Profi«

Ich würde es als pervers bezeichnen, wenn ein Profi in einer zweistündigen Trainingseinheit das Monatsgehalt eines Handwerkers »verdient«. Sie küssen das Logo ihres Arbeitgebers; wechseln aber fünf Tage später den Verein, weil wahrscheinlich der Kuss nicht mundete. Klappt das nicht, dann wird verweigert, erpresst, gekränkelt bis der Weg zum kommerziell lukrativeren Club frei wird. Das zeugt von viel »Respekt« und deshalb ist der neueste Schrei … aus Gründen des »Respekts« den Jubel gegen den Ex-Verein zu verweigern. Embolo setzte diesem Ritual die Krone auf, als er als Schweizer Nationalspieler den goldenen Treffer gegen Kamerun erzielte und als gebürtiger Kameruner nicht jubelte. Was für ein Schwachsinn … was für ein Geheuchel.

Ehre

Für SEIN Land spielen … ich war früher fest davon überzeugt, dass die fleischgewordenen Gelddruckmaschinen umsonst im Nationaltrikot antreten. Aber auch dieser Illusion wurde ich beraubt. Während kleine Vereine Insolvenz anmelden müssen; um jeden »Heiermann« kämpfen müssen und die weiße Flagge näher ist als die warme Dusche; werden unsere Ausstellungsstücke im schwarzweißen Jersey, eh schon millionenschwer bestückt, fürstlich für den ehrenhaften Einsatz in IHRER Landesmannschaft fürstlich belohnt. Man könnte meinen die Brüder hätten eine Lebenserwartung von 370 Jahren. Der Profifußball ist eine riesengroße Show geworden; kein Kicker muss sich mehr Gedanken machen um das Leben nach der Karriere; adipöse Gehaltsabrechnungen können nicht gerechtfertigt werden. »Bullshit« würde der Yankee sagen … ich sage Bullenscheiße oder »Laddesoich!«. In diesem Sinne Amateurfußball, Bratwurst und Bier statt Champions-League, Sessel und PayTV.



pfoschdeschuss - 21.Januar 23